Epischer Tag bei Tagesskifahrt am Diedamskopf

Freeriden im Bregenzerwald: Verträumte Orte, einsame Lines und das schneereichste Dorf der Welt

Unter Familien bekannt, von Freeridern kaum beachtet. Gut erreichbar und doch so wenig befahren. Relativ niedrig gelegen, dafür aber umso mehr Schnee. Das ist der Bregenzerwald. Wenn man dann auch noch in dieser Märchenlandschaft eine Woche voller Schneerekorde erlebt, springt das Freeriderherz in luftige Höhen.

Schnee, Schnee, Schnee: was könnte es Schöneres geben für unsere bevorstehende Powderwoche in Vorarlberg. Doch die Kehrseite: auf zehn Kilometer ist der Stau vor dem Pfändertunnel inzwischen angewachsen. Wie gut, dass es da noch die Hintertür in den Bregenzerwald über Oberstaufen gibt. Die kleinen Straßen nach Aach und Hittisau sind frei von Autokolonnen und Dank unseres Allradantriebs schaffen wir es sicher ins Erlebnisreich Natter, unser Basecamp im Örtchen Schoppernau.

Vollkommen überraschend werden wir am nächsten Morgen von Sonnenstrahlen auf dem Gesicht geweckt. Ruckzuck springen wir aus den Betten. Die Wahl des Skigebiets für den ersten Tag ist schnell getroffen; das Hausskigebiet am Diedamskopf scheint wie gemacht, um sich ein Bild von der Schneesituation zu machen und die ersten Turns in den frischen Powder zu ziehen. Die Gondelstation liegt Luftlinie keine 200 Meter vom Haus entfernt.

Der Diedamskopf ist mit 2090 Metern der höchste beliftete Punkt im Bregenzerwald. Neun Bahnen erschließen ein Areal von vierzig Pistenkilometern in allen Schwierigkeitsgraden. Ein Blick auf die Schlange an der Gondel reicht aus, um zu verstehen, dass Schoppernau in erster Linie ein Urlaubsort für Familien ist. Mit unseren breiten Latten wirken wir fast ein wenig exotisch. Das geringe Interesse an Offpiste-Skiing verwundert uns umso mehr, als wir aus der Gondel heraus unsere Blicke schweifen lassen. Denn eins lässt sich sofort feststellen: der Diedamskopf und seine benachbarten Berge haben für unsereins einiges zu bieten.

An den Hängen der Panoramabahn machen wir zwei warm-up Runs. Die kleinen Abstecher ins Gelände machen deutlich, dass für intensive Freeride-Action in den letzten 48 Stunden fast zu viel Neuschnee vom Himmel gefallen ist. Bis zur Hüfte und in Mulden gar noch tiefer versinken wir in der weißen Pracht. Eine Steilheit von 30 Grad oder mehr wäre notwendig, um bei diesen Bedingungen überhaupt Schwung zu bekommen. Bei offiziell ausgerufener Lawinenwarnstufe 4 steht das für uns an so einem Königstag außer Frage. Zu schlecht ist die Verbindung des Neuschnees mit der harten Unterschicht. Schweren Herzens verschieben wir die Suche nach perfekten Lines auf die nächsten Tage und suchen stattdessen einige unbedenkliche Foto-Spots, was bei diesen Schneemengen kein allzu großes Problem darstellt. Immer wieder zückt Jessi die Kamera, schickt uns den Berg hinauf und lässt es klicken.

Mit etlichen Bildern im Kasten gehen wir gegen Mittag dazu über, uns das Skigebiet ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. An Panorama- und Breitenalpbahn gibt es selbst zwischen den Pisten immer wieder unpräparierte Abschnitte, die gerade für Freeride-Einsteiger perfektes Trainingsterrain darstellen. Mit der Talabfahrt verfügt der Diedamskopf über ein echtes Highlight: 1300 Höhenmeter auf einer einzigen Abfahrt, bei der sich ein Hang an den nächsten reiht; da können in unseren Breiten nicht allzu viele Skigebiete mithalten. Als Zuckerbonbon profitieren wir nach einem langen Skitag davon, dass wir mit Ski direkt vor die Haustüre der Erlebniswelt Natter fahren können.

Tag zwei: Über Nacht hat der Schneefall wieder eingesetzt. Auf dem Autodach haben sich schon wieder gute 30 Zentimeter Neuschnee angesammelt. Die Sichtweite beträgt selbst im Wald kaum mehr als 20 Meter. Nach einem ausgiebigen Frühstück am reichlich bestücktem Buffet ziehen wir die Felle auf unsere Ski. Wenn schon das Skifahren heute kein Highlight werden dürfte, wollen wir doch wenigstens etwas Kondition bolzen. Links neben der Talabfahrt finden wir eine gute Aufstiegsspur und arbeiten uns Meter um Meter nach oben. Zurück im Hotel hören wir im Radio eine Nachricht, die uns kaum überrascht: Selbst unten im Tal herrscht Ausnahmezustand. In Bregenz wurde mit einer Schneehöhe von 63 Zentimetern der bisherige Schneerekord eingestellt, der immerhin aus dem Jahr 1965 datiert. Einige Ortschaften sind komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Ein willkommener Grund um nach getaner Skitour am Nachmittag die Seele in der hauseigenen Saunalandschaft baumeln zu lassen.

Nachdem wir uns inzwischen lange genug in Geduld geprobt haben, verspricht Tag vier eine leichte Wetterbesserung. Der Lawinenlagebericht zeigt, dass sich die Neuschneemengen inzwischen etwas setzen konnten und die Lawinengefahr auf 2-3 zurück gegangen ist. Jetzt ist es endlich an der Zeit, den Diedamskopf richtig kennenzulernen. Mit Highspeed pflügen wir den Gipfelhang hinunter zur Mittelstation. Die Südhänge vom Diedamskopf hinunter zur Breitenalpbahn werden für eine gute Stunde zu unserem Spielplatz.

Wer das gesamte Potential des Diedamskopf ausnutze möchte, der sollte in jedem Fall Felle mitbringen. Die Traumflanke, die jedem Tiefschnee-Lover schon von der Bergstation der Gondel ins Auge sticht, liegt gegenüber an den Hängen des 1968 Meter hohen Falzer Kopfs. Der Aufstieg mit Fellen ist eine Sache von dreißig Minuten. Am Ausstieg der Breitenalpbahn folgt man rechter Hand dem Weg und traversiert um die Kurve herum, wo auffellen angesagt ist. Nun geht es über mäßig steiles Gelände ohne große Hindernisse zum Gipfel. Was für eine Aussicht. Der hohe Ifen im Kleinwalsertal und die Kanisfluh, die das gesamt Tal der Bregenzer Ach dominiert, scheinen zum Greifen nah.  300 Höhenmeter Traumschnee liegen zu unseren Füßen. Mit einem Freudenschrei springe ich in den Hang. Schwung für Schwung tauche ich ein in das weiße Elixier. Was für ein Gefühl. Herrlich.

Aber auch ohne Felle gibt es am Diedamskopf noch viel zu entdecken. Wer gerne Luft unter die Ski bekommt ist an den Cliffs zwischen den schwarzen Pisten im oberen Bereich bestens aufgehoben. Technisch anspruchsvollere Lines findet man am Vorgipfel des Diedamskopf. Einfach Rider’s Right dem Gratverlauf folgen und einige Meter aufsteigen. Dann ergibt sich die Wahl zwischen einem filmreifen Hang in Frontalperspektive oder einer felsdurchsetzten Steilflanke.

Bestens gelaunt finden wir uns nach einem ereignisreichen Tag beim Abendessen wieder und besprechen die Lage. Gerne würden wir noch weiter eindringen in die Bergwelt rund um den Diedamskopf. Doch leider hat die Woche nur sieben Tage und den Gerüchten nach dürfen wir den Bregenzerwald nicht verlassen, ohne die Skigebiete von Mellau, Damüls und Faschina kennengelernt zu haben. Das Schneereich, wie sich die Skischaukel zwischen Mellau und Damüls treffend nennt, verfügt mit 109 Pistenkilometern über das größte Angebot an präparierten Abfahrten im Bregenzerwald. Mellau bietet mit der Gondelbahn gerade für Day-Trips den schnellsten Einstieg in das Vergnügen. Statt flussabwärts nach Mellau folgen wir in Au den zahlreichen Serpentinen hinauf nach Damüls und gelangen von einer Minute auf die andere in einer wahren Märchenlandschaft.

Tief eingeschneit überragt die Pfarrkirche des heiligen Nikolaus die kleine Ortschaft. Dass Damüls keine Skistation der Neuzeit ist, dokumentiert bereits die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1313. Was zu dieser Frühzeit die Bewohner von Damüls wahrscheinlich schon vermutet hatten, wurde 700 Jahre später offiziell: der 1428 Meter hoch gelegene Ort zwischen Bregenzerwald und Großem Walsertal gilt seit 2006 als das schneereichste Dorf der Welt. 9,30 Meter Neuschnee lässt Frau Holle jedes Jahr aus ihren Nordstauwolken auf Damüls hernieder. Wahre Traumbedingungen für Freerider.

Der Uga-Express bringt uns ins Skigebiet hinein. Allzeit präsent zeigt sich die prägnante Felsformation der Damülser Mittagsspitze am heutigen Tag von ihrer schönsten Seite. Da wir heute gerne das gesamte Skigebiet kennenlernen wollen, müssen wir den Aufstieg auf ein anderes Mal verschieben. Stattdessen steuern wir rechter Hand in Richtung Mellau. Neben der Elsenkopfbahn finden wir bereits die ersten Hänge, einfach zugänglich und auch ohne jegliche Ortskenntnisse auffindbar. Die Schneebeschaffenheit ist nahezu perfekt. Der massive Schneefall vom Anfang der Woche hat sich inzwischen gesetzt und über Nacht wurde dieser erneut mit zwanzig fluffigen Zentimetern an feinsten Kristallen überzuckert.

Wir haben Glück. So früh morgens ist sogar die Skiroute unterhalb des Hohen Wacht Sechsersessels nahezu unbefahren. Überhaupt gibt es im Schneereich eine Vielzahl an markierten Routen, die gerade für Freeride-Einsteiger willkommenes und sicheres Übungsterrain bieten. Dass selbst pistennahe nur sehr langsam ausgefahren werden, zeigt, wie viel die Uhren hier oben im Bregenzerwald noch langsamer ticken als in den Offpiste-Hochburgen am Arlberg. Daran hat sich selbst durch den Zusammenschluss der Skigebiete im Winter 2009/2010 nichts geändert.

Auf unserem Rückweg von Mellau nach Damüls lockt uns die Sonnenterrasse des Bergrestaurants Walisgaden. Da können wir einfach nicht widerstehen. Bei Käsespätzle und Apfelstrudel füllen wir unsere Kraftreserven wieder auf. Dann ist es Zeit für die Backside des Hohen Lichts. Die optimale Spure haben wir uns am Vormittag bereits von der Gegenseite aus angesehen. Fehler bei der Spurwahl sollten hier nicht passieren. Mit Sicherheitsabständen fahren wir nach der ersten Kante in den Hang ein. Drei, vier Turns, dann ziehe ich weiter nach links. Weitere 3 Schwünge ein kleiner Jump und schon lasse ich es laufen. Dieses Surfgefühl ist es, was uns das ganze Jahr warten lässt, nur um es einige wenige Male pro Saison spüren zu können.

Auch auf der Verbindung hinüber nach Oberdamüls warten zig kleine Lines auf uns. Weite Hänge, steile Rinnen und Cliffs in jeder Größenordnung. Kurzum, Damüls hat wirklich alles, um selbst weitgereiste Skibums glücklich zu machen.

Ein Tag bleibt uns noch und den wollen wir nutzen, um dem Skiareal von Faschina einen Besuch abzustatten. Und um es vorweg zu nehmen: Faschina ist das, was man ein landauf landab als echten Secret Spot bezeichnen kann. Schon der Parkplatz erinnert an mythische Freeride Resorts wie St. Fois, La Palut oder Silverton. Kein Mensch steht am Lift. Die Dame an der Kasse scheint sich aufrichtig zu freuen, dass wenigsten wir uns am heutigen Tage hierher verirrt haben. Zwei Lifte plus Anfängerhügel, mehr gibt es hier nicht am 1486 Meter hoch gelegenen Faschinajoch. Und wie wir aus dem Sessellift sehen können, waren selbst am gestrigen Traumtag kaum Powderjunkies unterwegs. Fast jungfräulich glitzern die weiten Hänge in der Sonne.

Faschina eignet sich besonders für Skifahrer, die einen Berg ganz intensiv erleben wollen. Auf keinen Fall sollte man den Fehler machen, beim Rucksackpacken die Felle zu vergessen. Sonst würden einem viele Hänge und der Aufstieg auf den Gipfel des Glatthorns verborgen bleiben, der mit einsamen Powderturns in drei Himmelsrichtungen belohnt wird.

Herzstück für Tiefschnee-Liebhaber ist die 3-Wannen-Abfahrt oder eine ihrer Varianten, die auch ohne Auffellen erreicht werden können. Am Ausstieg der Glatthornbahn schultern wir unsere Ski. Da heute noch keiner vor uns den Grat erklommen hat, ist Spuren im hüfttiefen Schnee angesagt. Oben am Grat angekommen lasse ich einen Begeisterungspfiff durch meine Lippen pfeifen. Was meine Augen hier sehen ist ein Traumhang wie er im Buche steht. Nach kurzer Beurteilung der Lage beschließen wir, nicht der gängigsten Variante linker Hand über den Grat zu folgen, sondern direkt eine Rinne zu befahren. Vor zwei Tagen noch, wäre dies aufgrund der Lawinengefahr undenkbar gewesen. Heute ist das Risiko beschränkt. 600 Höhenmeter feinster Powder liegen uns zu Füßen. Akribisch studiere ich den Hang und suche meine Line. Schräg und doch mit der nötigen Geschwindigkeit fahre ich hinein. Zwei Turn mache ich auf dem auf dem Rücken, ehe ich nach links in die Mitte der Rinne hinüber ziehe. Besser könnte der Schnee kaum sein. Dank der nördlichen Exposition hat er sich die untere Schicht gut gesetzt, die Oberschicht ist aber noch immer feinster Pulver. Unterhalb der Rinne steuere ich meine Latten nach links in das weite Bowl. Wie im Rausch reiht sich ein Bigturn an den anderen. Der Funkspruch nach oben ist eindeutig. „Genießt es! Das ist definitiv der bisher beste Run der Saison!“

Als auch Jessi und Mette bei mir eintreffen wird erst einmal abgeklatscht. Ungläubig schauen wir nochmal nach oben und freuen uns wie kleine Kinder, dass nur so wenige Freerider bereit sind, den Weg nach Faschina auf sich zu nehmen. Sollen sie sich doch andernorts um First Lines streiten… Durch weitere Bowls und den lichten Wald fahren wir hinunter bis zum Bach, überqueren diesen und erreichen nach kurzem Gegenanstieg die Loipe zurück nach Oberdamüls. Mit dem Bus geht es durch die Galerie schließlich wieder zurück zum Parkplatz. Was für ein Abschluss einer unvergesslichen Woche. Wer hätte vorher gedacht, dass der so oft verniedlichte Bregenzerwald über einen derart vielfältigen Variantenreichtum in allen Schwierigkeitsstufen verfügt. Selbst wenn wir wahrscheinlich nie wieder eine solche Schneerekordwoche hier erleben werden, wir kommen trotzdem zurück. Denn mit Portlahorn und Kanisfluh warten weitere wunderschöne Berge nur darauf, erkundet zu werden und das ganz ohne den wöchentlichen Pfänderstau.

www.diedamskopf.at
1 Tages-Skipass: 39,00€
6 Tages-Skipass für die 3-Täler (Bregenzerwald, Großes Walsertal, Tiroler Lechtal) : 201,00€
Pistenkilomter: 40Km
Beste  Freeride Spots: Gipfelhang, Breitenalpbahn, Falzer Kopf
Unterkunft: Erlebniswelt Natter www.erlebnisreich-natter.com
Apres-Ski: An der Talstation

www.mellau-damuels.at
1 Tages-Skipass: 45,00€
6 Tages-Skipass für die 3 Täler: 201,00€
Pistenkilomter: 109Km
Beste  Freeride Spots: Hohes Licht, Portla
Hütte & Übernachtung: www.walisgaden.at

Faschina
www.skidorf.info
1 Tages-Skipass: 33,50€

Schreibe einen Kommentar

Note: Comments on the web site reflect the views of their authors, and not necessarily the views of the bookyourtravel internet portal. Requested to refrain from insults, swearing and vulgar expression. We reserve the right to delete any comment without notice explanations.

Your email address will not be published. Required fields are signed with *